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Wie BioNTech zum Senk­recht­starter wurde


Prof. Dr. Ulrich Förstermann, Wissenschaftlicher Vorstand und Dekan der Universitätsmedizin Mainz, und zuständig für die Führung von Forschung und Lehre. Ihm obliegt die Budgetverantwortung der für Forschung und Lehre zur Verfügung stehenden Mittel hinsichtlich ihrer Verteilung auf die medizinischen Einrichtungen und die Überwachung ihrer Verwendung.

Inhalt dieses Blogs:

Teil 1: BioNTech und die Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Teil 2: BioNTechs Revolution der Krebsmedizin

Teil 3: Der BioNTech Börsengang und seine Bedeutung

Teil 1:

BioNTech und die Johannes Gutenberg-Universität Mainz

 

Seit wann kennen Sie Prof. Ugur Sahin und Dr. Özlem Türeci?

Ich selbst bin seit 26 Jahren hier in Mainz und kenne die beiden seit etwa 20 Jahren, also schon lange. Damals waren sie noch Assistenten in der dritten medizinischen Klinik. Ich kann mich gut an Präsentationen erinnern, bei denen mir die beiden bereits durch ihre innovativen Ideen und eine besonders positiv herausstechende Präsentation aufgefallen sind. Sie waren beide damals schon bemerkenswert.

Was bedeutet es denn, ein Spin-Off der Johannes Gutenberg Universität zu sein und haben Sie die Gründung BioNTechs damals aktiv begleitet?

Spin-Offs aus Universitäten heraus gibt es immer mal wieder. Dieser ist aber ein ganz besonderer. Die meisten Spin-Offs bleiben klein und fein und verschwinden manchmal auch wieder. Dass eine Spin-Off-Firma in dieser Weise expandiert und erfolgreich ist, das ist extrem selten und natürlich auch extrem beeindruckend. Das ist anders, als bei allen anderen Spin-Offs, die wir haben.

 

Dass eine Spin-Off-Firma in dieser Weise expandiert und erfolgreich ist, das ist extrem selten und natürlich auch extrem beeindruckend.

 

2008 war ich noch nicht in meiner aktuellen Funktion tätig, sondern Direktor der Pharmakologie. Ich habe die Gründung wissenschaftlich begleitet und sehr wohl gesehen, aber ich hatte nicht meine heutige Position, in der ich sie als Vorstand der Universitätsmedizin hätte begleiten können.

Sind Sie stolz darauf, dass sich das so positiv entwickelt hat?

Ja, natürlich! Das ist eine langfristige Entwicklung – aus einem akademischen Engagement, das über 40 Jahre reicht, mit vielen Sonderforschungsbereichen, mit einer deutlichen Unterstützung des Landes, spezifisch für die Immunologie und Immuntherapie – die dann irgendwann dazu geführt hat, dass diese Firma gegründet wurde. Dann war aber auch klar: Mit akademischen Finanzmitteln alleine kommt man hier nicht mehr weiter, sondern man benötigt finanzstarke Investoren, wie in diesem Fall die MIG Fonds und das Strüngmann Family Office. Auch Ganymed, ebenfalls von Prof. Ugur Sahin und Dr. Özlem Türeci, entwickelte sich mit der Hilfe privaten Beteiligungskapitals zu einem internationalen Vorzeigeunternehmen. All das ist auch das Ergebnis einer langfristigen Forschungsstrategie unserer Universität und das Ergebnis macht mich durchaus stolz.

Mit akademischen Finanzmitteln alleine kommt man hier nicht mehr weiter, sondern man benötigt finanzstarke Investoren.

Was bedeuten die Forschungsergebnisse BioNTechs für Johannes Gutenberg-Universität Mainz?

Wir verfolgen das Konzept der forschungsbegleitenden Lehre. Das heißt, wir versuchen besondere Forschungsergebnisse auch in der Lehre zu vermitteln. Und diese Immuntherapie von Tumoren ist natürlich etwas Besonderes. Das, was dabei schon als gesichertes Wissen angesehen werden kann, wird in der onkologischen Lehre auch bereits gelehrt. Unsere Studenten sind also bereits direkt damit konfrontiert und durchaus auch ein bisschen stolz darauf, dass sich das hier am Standort Mainz so entwickelt hat.

Das Ganze ist auch im weltweiten Maßstab revolutionär, ungeheuer innovativ, mit vielen, vielen Kniffen über die Zeit immer wieder verbessert worden. Nicht nur wissenschaftlich, sondern jetzt auch technisch weiterentwickelt. Und das ist auch lange noch nicht das Ende. Das ist in jeder Beziehung innovativ. Das ist wissenschaftlich innovativ, das ist technisch innovativ, das ist therapeutisch nach allem was man sieht hocheffizient und dadurch natürlich auch innovativ. Es ist noch teuer, natürlich, so wie alle Innovationen am Anfang teuer sind. Man kann aber davon ausgehen, dass das über die Zeit natürlich weniger wird. Das ganze Konzept ist einmalig. Wenn sich das wirklich so weiter bestätigt, wie es momentan aussieht, dann ist es eine Revolution in der Krebstherapie. Das kann man ganz klar sagen.

 

Das ganze Konzept ist einmalig. Wenn sich das wirklich so weiter bestätigt, wie es momentan aussieht, dann ist es eine Revolution in der Krebstherapie.

Teil 2:

BioNTechs Revolution der Krebsmedizin

 

Denken Sie, dass die BioNTech die Zukunft der Krebsmedizin eingeläutet hat?

Das würde ich so unterschreiben. Das Ganze ist ein ganz entscheidender Sprung – völlig neu gegenüber all dem, was es bisher gab. Es gab viele Entwicklungen in der Krebstherapie. Da waren hochinnovative, intelligente Konzepte dabei, die dann aber oft in der Klinik versagt haben, weil der Tumor schließlich doch wieder Wege fand, um sich aus der therapeutischen Kontrolle herauszuwinden. Beim Ansatz von BioNTech ist es offenbar so, dass es Tumoren nicht, oder nur sehr schlecht gelingt, aus dieser Immunkontrolle herauskommen. Und genau das ist das Entscheidende. Sonst erhält man nur eine temporäre Wirkung und danach ist es wieder vorbei. Das scheint hier nun endlich anders zu sein.

Das Ganze ist ein ganz entscheidender Sprung – völlig neu gegenüber all dem, was es bisher gab.

 

Wird Krebst also zukünftig, ob über kurz oder lang, heilbar? Oder wie kann man sich das vorstellen?

Man wird den Krebs auf jeden Fall besser im Griff haben. Mit der Heilung ist das so eine Sache. Je nach Krebstyp müssen Sie fünf Jahre oder sogar zehn Jahre symptomfrei sein, um als geheilt zu gelten. Solche Aussagen sind daher noch schwierig, man muss hier den weiteren Fortschritt abwarten. Aber die Entwicklung nach dem was wir sehen und heute schon wissen, ist extrem erfolgsversprechend. Man muss dabei auch Folgendes im Hinterkopf behalten: Die Therapien in klinischen Studien werden an Patienten mit weit fortgeschrittenen Erkrankungen durchgeführt, die mit vorhandenen Methoden austherapiert sind. Wenn man in einem schwerkranken Kollektiv diese beeindruckenden Erfolge sieht, könnte es – wenn diese Therapie später etabliert ist und in früheren Stadien der Erkrankung angewendet wird – noch leichter sein, den Krebs zurückzudrängen oder gar zu besiegen. Also insofern ist dies, nach allem was wir sehen und heute wissen, ein sehr erfolgreiches Konzept, das auch noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung ist. Die BioNTech kennt hier noch bestimmte „Schrauben“, an denen man noch drehen kann, um „den therapeutischen Angriff“ für den Krebs noch schwieriger überwindbar zu machen.

 

Ein Studienteilnehmer BioNTechs, Brad Kremer, spricht für das Nature Magazin über seinen Behandlungserfolg. Sätze wie, „ich konnte den Krebszellen beim Schrumpfen zusehen“ klingen dabei fast zu gut um wahr zu sein. Was bedeuten solche Studien und Aussagen?

Bei der Arzneimittelentwicklung gibt es die Phasen 1, 2 und 3. Die Phase 1 als Test eines Arzneimittels an Gesunden (zu Fragen der Sicherheit und Verträglichkeit) gibt es bei Krebsmedikamenten in der Regel nicht. Phase 1 wird hier typischerweise an wenigen Patienten mit einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung durchgeführt, für die es noch keine wirksame Therapie gibt. Phase 2 ist typischerweise eine zweistellige Studienteilnehmerzahl und 3 eine hoch dreistellige bis vierstellige. Danach kann eine Zulassung erfolgen. Wenn wir also eine Größenordnung von 50 wie bei der in der Nature vorgestellten Studie haben, dann ist das eine Phase 2. Daraus kann man schon relativ viele Schlüsse ziehen.

Ich konnte dabei zusehen, wie die Krebszellen vor meinen Augen schrumpften.

Brad K.

 

Können Sie uns einmal kurz erklären, wie die Entwicklung solcher medizinischer „Produkte“ abläuft? Wie lange dauert es üblicherweise, Ergebnisse marktreif zu bekommen?

Bei üblichen Medikamenten, die wir haben, und die wir entwickeln, läuft das in den genannten drei Phasen und Phase 4 ist dann Markteinführung mit entsprechender Überwachung am Markt. Voraus geht eine ca. 10-jährige Grundlagenforschung- und entwicklung. Phase 1 als Test des Produktes am Gesunden entfällt bei so einem Immunansatz, hier arbeitet man mit Patienten mit einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung. 2 ist wie gesagt mit einer zweistelligen Anzahl von Patienten und 3 ist mit einer drei- bis vierstelligen Anzahl von Patienten. Typischerweise vergleicht man das Studienmedikament (oder hier das Studienverfahren) mit einer Kontrollgruppe, die eine bis dato etablierte Therapie bekommt. Man kann auch historische Kontrollen benutzen, also hier konkret die bisher verfügbare Krebsmedikation, im Vergleich gegen die neue Therapie stellen. In der Nature-Studie ist das so passiert. Dort wurden „austherapierte“ Patienten behandelt, die die Therapie, die man bis dato hatte, bekommen hatten, und damit keinen befriedigenden therapeutischen Zustand erreicht hatten. Dann hat man die Immuntherapie angewandt, also bei einem besonders schwierigen und schwerkranken Patientenkollektiv.

 

Aber hier wird kein Medikament entwickelt und getestet, sondern ein Verfahren. Ein Verfahren, welches für den individuellen Patienten und seinen spezifischen Tumor (oder Tumore) einen eigenständigen Impfstoff generiert. Jeder Impfstoff ist damit neu und anders, das Verfahren ist das Gleiche. Es ist auch eine Erkenntnis von BioNTech, dass in einem gegebenen Tumor oft mehr als eine Tumorentität vorhanden ist. Wenn also bei konventioneller Therapie eine Tumorentität zunächst auf eine bestimmte Medikation gut anspricht, dann kann es geschehen, dass aus dem gleichen Tumorkonvolut Zellen “ausbrechen“ und wachsen, die nicht so gut auf diese Therapie ansprechen und dann langfristig den Therapieerfolg zunichte machen. 

Es ist auch eine Erkenntnis von BioNTech, dass in einem gegebenen Tumor oft mehr als eine Tumorentität vorhanden ist.

Die Immuntherapie funktioniert prinzipiell so, dass man per Next-Generation-Sequenzierung das gesamte Exom und Transkriptom dieser Tumoren abbildet (also auch aller gegebenenfalls vorhandenen „Untertumoren“) und daneben das gesunde Gewebe. Aus diesen Informationen kann man dann extrahieren, ob der Tumor in seinen Proteinen Mutationen trägt, die ihn vom gesunden Gewebe unterscheiden und ob diese mutierten Proteine, von denen Bruchstücke (Epitope) auf der Oberfläche der Tumore vorhanden sind, als Zielstrukur für eine Immuntherapie in Frage kommen. Das können je nach Tumor hunderte sein, die also anders sind, als bei einem normalen Gewebe. Dann sucht man mit einem Computeralgorithmus nach solchen Epitopen, die erfahrungsgemäß – und diese Erfahrung ist auch wieder BioNTech-spezifisch – eine deutliche Immunantwort auslösen. Und die kloniert man dann als RNA in entsprechende Konstrukte – da hat BioNTech verschiedene. Es würde jetzt zu weit führen, deren verschiedene Eigenschaften zu erklären.

 

Und dann kommt die nächste Innovation: wie bringe ich die Konstrukte an Zellen, die aus dieser RNA möglichst viel Tumorprotein (Epitope) machen, das dann vom Immunsystem gut erkannt wird und dazu führt, dass Tumorzellen, die dieses Epitop auf ihrer Oberfläche tragen, bekämpft wird. Da gibt es auch wieder eine ganze Reihe von Innovationen, die BioNTech hat und andere nicht, sodass die Immunantwort stark ausfällt. Und das macht man nicht mit einem Tumorprotein, sondern mit zehn oder zwanzig. Den Immunangriff gegen wenige Epitope kann der Tumor manchmal „umgehen“ indem er sie „abschaltet“ und weiter wächst. Aber den Angriff gegen zehn oder zwanzig gleichzeitig kann er nicht leicht überwinden. Und dann gibt es eine Immunantwort, die den Tumor stark dezimiert oder gar vernichtet.

 

Also bedeutet danach individuumsspezifisch nicht, dass es nur bei einem Einzelnen wirkt und bei anderen nicht?

Die individuellen Impfstoffe sind individuumsspezifisch und tumorspezifisch – sie sind also nur für einen Tumor (inkl. „Untertumore“) in einem Menschen.  Hier können deutliche Immunantworten ausgelöst werden. Die Immunsysteme verschiedener Menschen sind aber unterschiedlich. Der eine hat dauernd Schnupfen, der andere nie. Hieraus entsteht die Heterogenität in der Antwort der Patienten. Es gibt solche, die sehr gut antworten, die also hoch profitieren von der Therapie. Und andere, die nicht so gut antworten. Je nach Verhalten des Immunsystems – und hier ist auch noch manches unklar – gibt es Unterschiede in der Immunantwort, die man zum Teil versteht, aber noch nicht vollständig. Und das kann man nur in klinischen Studien herausfinden. Denn am Ende geht es natürlich um Menschen, um Patienten, die auf einen solchen Impfstoff reagieren und nicht um theoretische Konzepte. In der Vergangenheit gab es viele hochintelligente, gentechnische Konzepte gegen Krebs, bei denen man gedacht hatte: Das muss funktionieren! Und dann hat man sie am Patienten geprüft und es funktionierte eben bei vielen nicht. So ist das bei einer Immuntherapie auch; sie kann theoretisch wunderbar aussehen, aber am Patienten funktioniert sie dann doch nicht so gut. Bei diesen BioNTech-Konzepten aber sind die Erfolge auch an Patienten beeindruckend. Und dort, wo sie nicht funktionieren, weiß man häufig auch, warum es nicht so gut gewirkt hat und kann, „von bedside to bench“, also zurück ins Labor, weitere Verbesserungen einführen.

Bei diesen BioNTech-Konzepten aber sind die Erfolge auch an Patienten beeindruckend. Und dort, wo sie nicht funktionieren, weiß man häufig auch warum…

 

Teil 3:

Der BioNTech Börsengang und seine Bedeutung

 

Was bedeutet es für Sie, dass BioNTech nun einen so erfolgreichen Börsengang geschafft hat?

Die Forschung BioNTechs und Krebsforschung allgemein ist extrem teuer. Ein Börsengang ist dabei erstens eine Anerkennung für das Konzept. Sonst wären sie nicht so weit gekommen, hätten nicht so bedeutende Investoren gesammelt und dann als Konsequenz auch den Börsengang geschafft. Und zweitens ist es natürlich eine große finanzielle Hilfe für das Unternehmen, seine Forschungs- und Entwicklungsarbeit weiter treiben zu können. Dieser deutliche Erfolg unterstützt die Firma in ihrer weiteren Entwicklung.

Ein Börsengang ist dabei erstens eine Anerkennung für das Konzept.

Und für unsere Universität ist es natürlich auch ein großer Erfolg. Wir sind stolz darauf, dass das unsere Ausgründung ist, mit der wir in enger Kooperation stehen. Ganz aktuell haben wir ein Helmholtz Institut für uns eingeworben, eine Dependance des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Dr. Özlem Türeci wird als erste Professorin in dieses Institut berufen – mit der Idee, dann als Mittler zwischen BioNTech und unserem Klinikum zu arbeiten und die Ergebnisse von BioNTech in unsere Klinik zu überführen. Dann können unsere Patienten auch als eine der ersten in den Genuss solcher Immuntherapien kommen. Darin liegt dann ein ganz praktischer Nutzen für die Universitätsmedizin Mainz.

Hat der Gang BioNTechs an die US-amerikanische Nasdaq Folgen für die deutsche Krebsmedizin?

Die amerikanische Mentalität ist eine andere als bei uns in Deutschland. Die Amerikaner sind innovationsfreundlicher und –freudiger. Das gilt für die Forscher genauso, wie für die Financiers. Es kommt daher auch nicht von ungefähr, dass Ugur Sahin an die Nasdaq gegangen ist und nicht an die Frankfurter Börse. Es ist in Amerika einfach leichter, Investorengeld locker zu machen, als das in Europa der Fall ist. Wissenschaftlich müssen sich Europa und insbesondere Deutschland nicht vor den Amerikanern verstecken. In Deutschland ist man bei Investitionen in potentielle Innovationen einfach etwas zurückhaltender. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Aber natürlich ist das ein großer Sprung für die deutsche Krebsmedizin und es ist nicht umsonst so, dass sich das große Krebsforschungszentrum Heidelberg sehr für dieses Immun-Konzept interessiert. Also die Vorstellung, dass wir das Helmholtz-Institut TRON (translationale Onkologie) hier für Mainz bekommen haben, ist für uns eine besondere Auszeichnung und dem Vorhandensein der Immuntherapeutischen Konzepte geschuldet. TRON konnte in der Grundlagenforschung entscheidende innovative Ansätze für BioNTech beitragen. 

 

Der BioNTech Börsengang ist ein großer Sprung nach vorne für die deutsche Krebsmedizin und hat ihr bereits – und wird es auch zukünftig tun – international große Reputation eingebracht.

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