Gesundheits-Apps
Portfolionews

Was bringen die neuen Gesundheits-Apps?


Ein Beitrag von Boris Bernstein
Partner der MIG Capital AG

Haben Sie schon einmal überlegt, eine Software zu nutzen, um ein gesundheitliches Problem zu lösen, anstatt gleich nach einem Medikament zu greifen? Genau das können alle Versicherten der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) seit Oktober 2020 mit der Zulassung der ersten „App auf Rezept“ in Deutschland tun. In Summe haben im ersten Jahr dieses Programms etwa 50.000 Versicherte von dem Angebot Gebrauch gemacht. Die Zahlen sind zwar noch nicht sehr hoch – es werden pro Jahr in Deutschland über 750 Millionen Rezepte eingelöst – aber seit Oktober 2021 steigen die Anwendungen mit einem Wachstum von 45 Prozent im letzten Quartal steil an. Am häufigsten wurden die sogenannte DiGAs für Tinnitus, Rückenschmerzen and Adipositas verschrieben.

 

Aber was genau sind DiGAs? Die Abkürzung steht für „Digitale Gesundheitsanwendungen“, also Apps, die einem Patienten helfen, eine Therapie zu verfolgen. Sie sind Medizinprodukte der Risikoklasse I oder IIa und werden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen. Derzeit gibt es 33 DiGAs, die Ärzte verschreiben dürfen. Sie werden typischerweise für drei Monate verordnet und kosten der Krankenkasse im Durchschnitt 400 Euro.

 

Alleine die existierenden DiGA-Anwendungsbereiche könnten in Deutschland, so die Experten der Boston Consulting Group, bis 2028 einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro erzielen.

 

Alleine die existierenden DiGA-Anwendungsbereiche könnten in Deutschland, so die Experten der Boston Consulting Group, bis 2028 einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro erzielen. Und dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Ein Beispiel ist Kalmeda gegen chronischen Tinnitus. Die App führt den Patienten durch Entspannungsanleitungen und bietet außerdem beruhigende Hintergrundgeräusche und einen Wissensteil.

 

Gesundheits-Apps mit Vorteilen gegenüber Medikamenten

 

DiGAs haben wichtige Vorteile gegenüber traditionellen Therapien. Sie können ein ständiger Begleiter sein, wenn man dies wünscht. Diese Regelmäßigkeit kann die Effektivität einer Behandlung enorm steigern. Die meisten Gesundheits-Apps haben sogar Elemente integriert, die bei der Nutzung Spaß machen. Sie sind auch mehr oder weniger unendlich skalierbar, da sie bei der Anwendung kein Personal benötigen. Auf lange Sicht können sie daher breiter und günstiger genutzt werden als traditionelle Therapien. Schließlich haben DiGAs keine Nebenwirkungen, was bei traditionellen Medikamenten, abhängig von Dosis und individueller Verträglichkeit, oft ein Faktor ist.

 

Übrigens ist Deutschland bei digitalen Gesundheits-Apps endlich einmal ein Vorreiter. Das haben wir dem ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn zu verdanken, der Ende 2019 mit dem Digitalen Versorgungsgesetz (DVG) einen Rahmen geschaffen hat. DiGAs erhalten demnach eine vorläufige Zulassung und Erstattung nach einer Prüfung von Qualität, Sicherheit und Datenschutz. DiGA-Anbieter haben ein Jahr Zeit, um die Wirksamkeit ihrer App zu beweisen und in die Regelerstattung zu kommen. Dieses smarte Konzept löst das Henne-Ei-Problem, dass DiGAs vorher hatten: Wie beweist man die Effektivität, wenn man noch nicht im Markt agieren darf?

 

DiGA-Anbieter aus vielen Ländern haben das deutsche Vorgehen mit Interesse verfolgt. Das erklärt auch, warum viele Veranstaltungen des Health Innovation Hub des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) in Berlin auf Englisch stattfanden. Andere Länder, unter ihnen Frankreich, überlegen ein ähnliches Konzept wie in Deutschland einzuführen.

 

Erfolgsfaktoren Marketing und Vertrieb

 

Aber nicht alles ist rosig. Die Krankenversicherungen begrüßen zwar digitale Innovation, beobachten aber sehr kritisch, ob DiGAs auch wirklich die Patientenversorgung verbessern. Einige DiGAs sind schon nach dem Probejahr aus der Erstattung gefallen, weil sie diesen Beweis nicht nachhaltig erbringen konnten.

 

Eine Kernfrage des Erfolgs von digitalen Gesundheits-Apps bleibt Vertrieb und Marketing. Wie an die Zielgruppen rankommen ohne einen Außendienst, wie ihn die etablierten Pharmaunternehmen besitzen? DiGA-Anbieter sind in aller Regel kleinere, VC-finanzierte Firmen, die sich kaum einen Außendienst leisten können. Sie gehen deshalb geschickt und mit wenig Ressourcen vor. Manche Anbieter beispielsweise nutzen Soziale Medien für die Ansprache von Patientengruppen oder rekrutieren Meinungsführer für ihre Botschaften. Sie versuchen in Behandlungsnetzwerke zu kommen. Andere DiGA-Anbieter überlegen sich, ob ein Zusammenschluss Sinn macht, um die kritische Masse zu gewinnen, die für den Aufbau eines Außendienstes erforderlich ist.

 

Was hat das alles mit MIG zu tun? Die Fonds 4, 10 und 14 sind seit 2019 an Liva Healthcare aus Dänemark beteiligt. Die Firma war ursprünglich zwar auf andere geographische Märkte fokussiert. Beispielsweise arbeitet Liva als digitaler Anbieter mit dem britischen Gesundheitssystem NHS im Bereich der Pre-Diabetes zusammen. Inzwischen erkennt Liva aber auch das Potenzial in Deutschland. Unser Beteiligungsunternehmen wird diesen Herbst voraussichtlich ihre erste DiGA für Typ 2 Diabetes hierzulande einführen.

 

Wir dürfen auf die Ergebnisse gespannt sein.

07. Juni 2022 | Foto: Liva Healthcare

WEITERE THEMEN FÜR SIE